Kindgerechte und naturnahe Außenanlage Kindergarten Hütschenhausen

Projektdaten

Träger des Kindergartens:  Protestant. Kirchengemeinde,
Hauptstr. 104,  Hütschenhausen - Vorsitz:  Pfarrer Rothe
Baujahr: 1972. Außengeländeneugestaltung von '93 bis '95
Lage: Verkehrsberuhigte Lage im Zentrum der Gemeinde
Größe: Außengelände ca. 1600 m², Gebäude ca. 450 m²
Kinderanzahl und Alter: 64 Kinder im Alter von 3-6 Jahren
Gruppenzahl:  3 altersgemischte Gruppen
Einzugsbereich:  Hütschenhausen,  Katzenbach, Spesbach
Personal: 7 Erzieherinnen - Leiterin: Frau Lambrecht
Pädagogik: Im Vordergrund steht das Wohl des Kindes, d.h. Kinder bewußt wahrnehmen, sie mit ihren Stärken und Schwächen annehmen, um sie zu einem selbständigen, kritikfähigen und umweltbewußten Menschen  hinzuführen.

Planungsüberlegungen

Das Außengelände des Kindergartens ist entsprechend den Bedürfnissen der Kinder gestaltet: Sie brauchen individuell und naturnah gestaltete Spielräume, in denen sie sich jedoch nicht nur austoben, sondern ein Verhältnis zur Natur aufbauen, ihre Kreativität entwickeln, ursprünglichen Elemente erleben und unterschiedlichste Erfahrungen erwerben können.
Kinder fühlen sich wohl, identifizieren sich mit einem Umfeld, das sie selbst gemeinsam mit Eltern, Erzieherinnen und Planern umgestaltet haben. In einem lebendigen Prozeß hat sich der Außenraum über die Jahre schrittweise entwickelt. Die gemeinsame Arbeit erzeugte ein WIR-Gefühl, hatte - über das konkrete Projekt hinaus - sehr positive Auswirkung auf das Miteinander im Kindergarten.

Materialien

Über die Gestaltung des Außengeländes soll Kindern umweltbewußtes Handeln und das Wertschätzen von Ressourcen vermittelt werden. Insofern wurde vorwiegend unbehandeltes Naturmaterial sowie lokal vorhandenes Baumaterial verwendet: Beispiele hierfür sind Grassoden zur Gestaltung der Sitzkreise, Weidenruten für den Bau der Weidenzelte und des Laubenganges sowie die Baumstämme als Sitz- und Kletterangebot.
Im Kindergarten fanden Alt-, Abfall- und Gebrauchsmaterialien Verwendung: Der Rutschenaufgang ist aus alten Autoreifen gefertigt, die Schräge aus Schwartenbrettern. Der Klangbaum wurde mit blinkenden Schrotteilen behängt, die Rufanlage ist aus Abwasserrohren gebaut.

Pflanzenverwendung

Im Kindergarten sollen Kinder die Vielgestaltigkeit und den Reichtum der Natur unmittelbar kennenlernen und erfahren. Nur dann entwickelt sich bei den Kindern eine Sensibilität für die Umwelt, wenn sie sich als Teil von ihr verstehen.

Die verwendeten einheimischen Pflanzen bieten Spielmaterial (z.B. Kastanie/Hagebutte), sind bespielbar (Kletter-Bäume, Versteck-Sträucher) und robust. Sie ermöglichen Sinneserfahrungen aller Art (Riechen, Tasten, Schmecken), sind Nahrungsquelle (Obst/Gemüse) und weisen interessante Laubfärbungen auf. Laut DIN 18034 verbotene giftige Pflanzen sind im Kindergarten nicht zu finden. "Erfahrungspflanzen" wie z.B. Brennesseln oder stachlige Brombeersträucher wurden jedoch bewußt verwendet.

Projektablauf

Nach einer Informationsveranstaltung mit Kindern, Eltern und Erzieherinnen zum Thema 'Naturnahe Spielräume' folgte zunächst eine Einstimmungs- und Vorbereitungsphase, in der vor allem pädagogische und prozeßbezogene Fragen diskutiert wurden. Anschließend wurde gemeinsam ein Konzept für das Gesamtgelände erarbeitet, das schrittweise - entsprechend Engagement und Möglichkeiten der Betroffenen - realisiert wurde. Die Umsetzung erfolgte zum Großteil in Arbeitsaktionen, an denen sich häufig die ganze Familie beteiligte - das Gemeinschaftserlebnis war ebenso wichtig wie der Arbeitsaspekt. In 1 1/2 Jahren entstand ein Freiraum, mit dem sich jeder identifiziert. Abgeschlossen ist das Projekt nicht - es bleibt immer noch Spielraum für weitere Entwicklungen.

Projektkosten

Da die Planung derart angelegt ist, daß viele Arbeiten in Eigenarbeit ausgeführt sowie lokal vorhandene, somit kostengünstige Materialien verwendet werden konnten, lagen die Gesamtkosten um fast die Hälfte niedriger als bei der Ausführung durch eine Fachfirma.

Möglich wurde die erfolgreiche Realisierung durch großes Engagement von seiten der Eltern, Kindern, Erzieherinnen und Presbyterium (ca. 2100 Arbeitsstd.) sowie die Mithilfe der Naturschutzgruppe "Moorklee e.V.", einer Selbsthilfegruppe, der US Army, vieler Einzelpersonen sowie Firmen, die Material, Geräte oder Arbeitskraft unentgeltlich zur Verfügung stellten. Allen Beteiligten ging es jedoch nicht nur um finanzielle, sondern vor allem auch inhaltliche Wertschaffung.

Einbeziehung der Zielgruppe

Die umfassende Einbeziehung der Zielgruppe (Kinder, Erzieherinnen, Eltern, etc.) bei der Gestaltung des eigenen Außengeländes ist von grundlegender Bedeutung für dessen spätere Annahme. Ein Spielraum wird nur dann der Lebenssituation und den Bedürfnissen der Nutzer gerecht, wenn diese aktiv in den Planungs- und Realisierungsprozeß einbezogen werden. Selbst tun ist Erkenntnisprozeß - durch mein Handeln erkenne ich die Welt und mich selbst - erlebe mich als für die Veränderung verantwortliches Subjekt. Eigentätigkeit stärkt das Selbstwert- und Gemeinschaftsgefühl, bedingt eine höhere Identifikation mit dem Produkt und fördert die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen für die Erhaltung und Pflege des gemeinsam gestalteten Spielraumes.

Wasser

Wasser ist ein lebendiges Element, das jung und alt fasziniert und eine Fülle von Spiel- Gestaltungs- und Erfahrungsmöglichkeiten bietet (nicht zuletzt als Eis im Winter). Wasser ist ein wertvolles und endliches Gut, Kinder sollten lernen, dieses verantwortungsbewußt zu gebrauchen. Da Trinkwasser zum Spielen zu kostbar ist, wird das Dach-niederschlagswasser des Kindergartens in einer Zisterne gesammelt und von dort mit einer Handpumpe gefördert. Der kommunikative Effekt: Pumpen und Matschen zur selben Zeit geht nicht, so teilen sich die Kinder auf, die einen pumpen - die anderen matschen.

Ist der Wasservorat leergepumpt, sehnen sich die Kinder nach dem nächsten Regen, damit er ihre Zisterne wieder füllt.

Der Landschaftsarchitekt

Bei der Gestaltung eines naturnahen Spielplatzes unter Einbeziehung der Betroffenen ist der Planer unverzichtbar. Mit seiner Erfahrung entsteht ein sinnvolles Ganzes, das nicht nur den Bedürfnissen der Kinder, sondern auch den Anforderungen der Versicherungsträger gerecht wird.
Für diese Aufgabe ist jedoch seitens der Planer eine neue Grundeinstellung und Arbeitsweise erforderlich: Sie werden gebraucht als Berater und Impulsgeber, die helfen, Ideen zu entwickeln und formulieren, die Grenzen des Machbaren aufzeigen sowie Fehlentwicklungen und damit verbundenem Frust vorzubeugen. Ihre Aufgabe ist die des Baustellenleiters, der gemeinsam mit der Zielgruppe eine eigenständige und individuelle Planung umsetzt.

Deutscher Spielraumpreis

Kindgerechte und naturnahe Außenanlage Kindergarten Hütschenhausen

Hütschenhausen - Gewinner des DEUTSCHEN SPIELRAUMPREISES

Am Freitag, dem 14. Juni 1996 wurde im Rahmen der Spielraummesse in Hannover der DEUTSCHE SPIELRAUMPREIS verliehen.

Mit diesem Preis wurden Einrichtungen ausgezeichnet, die die Spielsituation von Kindern und Familien im öffentlichen Raum verbessern und durch ihren modellhaften Charakter Impulse für weitere Entwicklungen zu einer kinder- und familienfreundlicheren Stadt geben. Ausgelobt wurde dieser Preis des Deutschen Kinderhilfswerk e.V. und der Fachzeitschrift SPIELRAUM mit Preisgeldern in Höhe von insgesamt 50.000 DM.

Der Prot. Kindergarten Hütschenhausen wurde mit dem 1. Preis ausgezeichnet.

Geehrt wurde mit diesem Preis zum einen der Kindergarten mit all den vielen ehrenamtlichen Helfern. Zum anderen ist der SPIELRAUMPREIS eine Anerkennung für die planerische Leistung des Ingenieurbüros STADT+NATUR aus Erfurt für seine kindgerechte und gleichzeitig innovative Gestaltung des Außengeländes.

"Kinder brauchen naturnah gestaltete Spielräume, in denen sie ein Verhältnis zu ihrer Umwelt aufbauen, ihre Kreativität entwickeln und Sinneserfahrungen aller Art machen können. Sie brauchen individuelle Spielsituationen und Bewegungsangebote, die nicht nur zum Sich-Austoben einladen, sondern unterschiedlichste Körpererfahrungen ermöglichen." So lautet der Leitsatz, nach welchem Norbert Schäfer und Ralph Bohde - Inhaber des Ingenieurbüros - seit mehreren Jahren erfolgreich kindgerechte Spielräume gestalten.

Die Außenanlage des Kindergartens Hütschenhausen fällt aus dem üblichen Rahmen:

Selbstgebaute Weidenhäuser bieten den Kindern eine wohlige Atmosphäre, eine Wasserpumpe spendet Regenwasser aus einer Zisterne für den Bachlauf, der in einer Matschkuhle endet. Überall sind Sträucher und Bäume, die herrliche Ecken zum Versteckspielen bieten. In Nischen und Ecken finden sich Hochbeete zum Gärtnern für die Kinder, eine alte Eiche dient als Kletterbaum.

Die einfallslosen teuren Klettergerüste, die sonst auf fast jedem Spielplatz zu sehen sind, fehlen ganz. Dafür wurde mit wenigen ausgewählten Spielgeräten gearbeitet, wie z.B. das im Boden eingelassene Trampolin.

Die Kinder fühlen sich wohl, identifizieren sich mit einem Umfeld, das sie gemeinsam mit Eltern und Erzieherinnen - unter Anleitung des Ingenieurbüros - umgestaltet haben. In einem lebendigen Prozeß hat sich der Außenraum über die Jahre schrittweise entwickelt. Die gemeinsame Arbeit erzeugte ein WIR-Gefühl und hatte - über das konkrete Projekt hinaus - sehr positive Auswirkung auf das Miteinander im Kindergarten.

Erlebnisvielfalt

...wie ein Kindertraum